Kodak Nachwuchs Förderpreisträger 2001/2

29895Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechischen Republik ist mit der aktuellen Diskussion um die Benes-Dekrete wieder ins Zentrum des Interesses gerückt. Bedenkt man, wie die Tschechen unter der Nazi-Okkupation jahrelang gelitten haben, muss man die Dekrete politisch als eine Art Vergeltung verstehen, ohne sie dabei als moralisch einwandfrei zu akzeptieren. Wie auch immer die politische Auseinandersetzung ausgehen wird, die Tatsache der gegenseitigen Vertreibung und des damit provozierten Unrechts bleiben vorerst ungeklärt. Ist man seitens der EU mehrheitlich bemüht, den Beitritt der Tschechischen Republik wegen dieser Angelegenheit nicht zu boykottieren, beobachtet man in verschiedenen Bevölkerungskreisen beider Länder eine fast verhärtete, trotzige Haltung. Die Angelegenheit bleibt heikel.

Der tschechische Fotograf Jan Vaca wählte für sein Projekt genau diese Thematik. 1975 geboren, kam er als Sechsjähriger mit seinen Eltern nach Aussig (tschechisch Ústí nad Labem), wo bereits vor dem Zweiten Weltkrieg die Urgroßeltern lebten. Jan Vaca entzieht sich bewusst der endgültigen Bewertung. Als Fotograf und Nichthistoriker versucht er die schwierige Situation mit fotografischen Bildern zu beschreiben. In Montagen aus historischen Portraits und aktuellen Stadtansichten entstehen einprägsame, beunruhigende Bilder, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen, ja sogar miteinander verschmelzen. Die dargestellten Personen sind Deutsche und Tschechen, die in Aussig seinerzeit gelebt oder gewirkt haben. Wie in die Gegenwart eingebrannt, wie mahnende Geister wirken die darstellten Personen und machen zugleich bewusst, dass ihre Präsenz trotz der leibhaftigen Abwesenheit irgendwie vorhanden ist. Vacas Bilder wirken wie ein Hall aus der Tiefe der vergangenen Zeit. Erstaunlich ist, wie dieser Hauch der Vergangenheit zu dem Kern der Problematik führt mehr als flammende Reden.



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